SAM

Selbsthilfe für Abhängige und Mitbetroffene

      

              Thema des Monats


        Diagnosekriterien der Alkoholabhängigkeit

                                              Stand: 01/2019

Die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD = International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. Es wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. In Deutschland sind die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte und ärztlich geleiteten Einrichtungen verpflichtet, Diagnosen nach ICD-10 zu verschlüsseln.

F10.-     Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol

F10.2    Abhängigkeitssyndrom

Alkoholabhängigkeit bedeutet, dass man nicht mehr in der Lage ist, seinen Alkoholkonsum willentlich zu steuern. Man unterscheidet zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit. Bei der reinen psychischen Abhängigkeit sind die Betroffenen nicht mehr in der Lage, bestimmte Lebenssituationen oder auch das Leben an sich ohne Alkohol durchzustehen. Kommt eine körperliche Abhängigkeit hinzu, so treten bei fehlenden Alkoholkonsum körperliche Beschwerden auf. Für die Diagnose Alkoholabhängigkeit muss keine körperliche Abhängigkeit (Entzugssyndrom) vorliegen.

Zur Diagnose des Abhängigkeitssyndroms müssen nach der ICD-10 drei oder mehr der folgenden Kriterien gemeinsam erfüllt sein. Trifft dies zu, liegt in der Regel eine Abhängigkeitserkrankung vor:

1. Starker Wunsch oder Zwang

eine Substanz zu konsumieren oder etwas immer wieder zu tun. So verspürt ein alkoholkranker Mensch ein starkes Verlangen nach dem nächsten Schluck, der Nikotinabhängige die Gier nach der nächsten Zigarette. Dieses Verlangen kann auch dann stark sein, wenn noch keine körperliche Abhängigkeit vorhanden ist, also keine körperlichen Symptome beim Entzug auftreten.

2. Kontrollverlust

So ist beispielsweise ein Alkoholabhängiger kaum in der Lage zu kontrollieren, wann er trinkt, bzw. wann er mit dem Trinken aufhört, und wie viel Alkohol er konsumiert. Ein Spielsüchtiger oder Kaufsüchtiger wird weiterspielen und einkaufen, auch wenn er es sich finanziell gar nicht mehr leisten kann.

3. Abstinenzverlust

Aus der Unfähigkeit, den Konsum einer Droge zu kontrollieren, bzw. auf ein bestimmtes Verhalten zu verzichten, resultiert der Verlust der Abstinenz. Das geht so weit, dass der suchtkranke Mensch selbst dann auf seine Drogen nicht verzichten kann, wenn die Sucht bereits schwere gesundheitliche oder soziale Konsequenzen hat. So gibt es starke Raucher, die trotz einer Herzerkrankung nicht auf Zigaretten verzichten, oder Menschen die weiter trinken, obwohl ärztliche Untersuchungen eindeutig ergeben haben, dass ihre Gesundheit in Gefahr ist. Sie sind während der Arbeitszeit oder auch im Straßenverkehr alkoholisiert. Sie trinken weiter, obwohl sie Probleme in der Familie oder mit dem Partner haben oder der Alkohol der Grund eines drohenden Arbeitsplatzverlustes ist.

4. Toleranzbildung

Menschen, die in eine Abhängigkeit schlittern, brauchen immer größere Mengen ihrer Droge um den gleichen Effekt zu erzielen. Der Körper gewöhnt sich an die Droge, der Konsum steigt. Das kann auch für Verhaltensweisen mit Suchtcharakter gelten, die immer weiter ausufern, z.B. die Spielsucht.

5. Entzugserscheinungen (Entzugssyndrom)

Die heftigsten Entzugserscheinungen treten beim Absetzen harter Drogen wie Heroin aber auch bei Alkoholikern beim Entzug auf. Sie reichen von verhältnismäßig leichten Symptomen wie Schwitzen, Frieren und Zittern bis hin zu starken Gliederschmerzen, Schlafstörungen, Halluzinationen und Kreislaufzusammenbrüchen. Da die Gier nach der Droge dabei ins unermessliche wächst, ist ein Entzug aus eigener Willenskraft kaum zu schaffen und dazu sehr gefährlich. Verhaltenssüchte oder -zwänge wie Spiel- oder Kaufsucht machen natürlich nicht körperlich abhängig wie Süchte, die auf dem Missbrauch von Substanzen basieren. Der Kick für den Abhängigen beruht aber auf biochemischen Prozesse im Gehirn. Bleiben sie aus, können durchaus Entzugserscheinungen auftreten wie Nervosität, Aggressivität und der unwiderstehliche Drang, das Suchtverhalten wieder auszuüben.

6. Rückzug aus dem Sozialleben

Wer in einer Sucht gefangen ist, verliert das Interesse an anderen Beschäftigungen. Hobbys, soziale Kontakte und selbst der Beruf werden vernachlässigt. Die Droge, sei sie nun eine Substanz oder ein bestimmtes Verhalten, wird zum Lebensmittelpunkt.